Unsere Hochzeit – in Worten.
Endorphin. Es ist das Hormon, bei dessen Verteilung mein Körper wohl gerade nicht anwesend war. Ich bin ein kontrollierter und kontrollierender, beherrschter, kühler, immer analytisch und logisch denkender Mensch mit einem klaren Kopf. Ich denke in Zahlen, Daten und Fakten. Aktion und Reaktion. Möglichkeiten und Konsequenzen. Das einzige, was mich die Kontrolle verlieren lässt, ist, wenn andere Menschen nicht logisch vorgehen. Das einzige, was mich nervös macht, ist, nicht die Kontrolle zu haben, nicht alle Parameter zu kennen. Das Leben hat mir auf schmerzhafte Art und Weise beigebracht, dass ich selbst der einzige Mensch bin, auf den ich mich wirklich verlassen kann.
Die Vorbereitungen zu unserer Hochzeit waren ein einziges Planen und Organisieren. Seit dem Moment, als mein Ehemann und ich das erste Mal im Boxberger Standesamt saßen, um uns über die erforderlichen Papiere zu informieren, waren alle Schritte Schritt minutiös getimt, geplant und ausgeführt. Und die ganze Zeit war ich cool.
Aber dann waren da die Dinge, die mir aus der Hand genommen wurden, die sich meiner Kontrolle entzogen. Meine allerliebste, allertollste Trauzeugin, die sich so bedeckt hielt, dass ich fast verrückt wurde. Bekannte, die mit einem Polterabend drohten, den ich nicht wollte. Ein guter Freund, der mich mit einer Blaskapelle aufzog, deren Auftauchen einer Katastrophe gleichgekommen wäre.
Mein Outfit, das von den Schuhen aus England bishin zur Wimper durchgeplant war, aber nie so richtig ein Gesamtbild in meinem Kopf ergeben wollte. Herr Möhrchen, dem die ganze Planerei, Panikmache, das Organisationsfieber manchmal einfach zu viel wurden.
Meine Angst, dass die großen Gefühle sich am Tag selbst nicht einstellen würden – denn wenn man so lange auf etwas wartet, wird es in der eigenen Vorstellung oft schöner, als es in der Realität jemals sein könnte.
Und so kam es, dass ich am Morgen des großen Tages nach dem Weckerklingeln aufstand, als wäre es ein Tag wie jeder andere. Ich folgte meiner durchgetakteten arbeitstäglichen Morgenroutine. Katzen füttern, frühstücken, Kaffee trinken, rauchen, Zähne putzen. Als meine allerliebste Trauzeugin um halb 8 kam, war sie aufgeregt, hibbelig und emotional – ich wollte lieber noch ein paar Zigaretten in der Küche rauchen.
Schließlich fingen wir gegen 8 Uhr mit meiner Frisur an. Da saß ich also, im Wohnzimmer, mit Laptop auf dem Schoß, iPhone in der Hand, und postete munter bei Facebook, während mein Julschen meine äußerst haarige Haarpracht mit dem Lockenstab bearbeitete. Ein echter Nerd eben….
Wir waren um halb zehn mit der Frisur fertig. Also noch schnell in der Küche eine rauchen, schließlich lagen wir gut in der Zeit. Frau Hofmeister war immer noch völlig gelassen.
Den ersten “kleinen” Hormonschub hatte Frau Hofmeister dann, als ihre wunderbare Trauzeugin und deren wunderbarer Freund ein iPad hervorzauberten – unser Hochzeitsgeschenk. Mein nerdiges Herz jauchzte. Meine Hände zitterten. Literally.
Aber keine Zeit für Nerdfreuden an diesem Vormittag – weiter zum Make-up, was mein allerliebstes Julschen auch ganz wunderbar und souverän meisterte. Jedes bißchen Farbe in meinem Gesicht war perfekt.
Also dann, auf ins Kleid. Drei Menschen, die mir in dieses gigantische, wunder-, wunder-, wunderschöne und traumhafte Brautkleid helfen mussten, dann nur noch zwei, um die Corsage zu schnüren. Frau Hofmeister wurde langsam hibbelig. Es war zehn Uhr.
Der letzte Schliff – Schmuck, Strumpfband und natürlich Koko an die Füße.
Und dann kam meine Mutter.
…..
….
In dem Moment, als sie vor mir stand, bekam ich zum ersten Mal weiche Knie. Irgendetwas in mir, dass ich noch nie gefühlt hatte, übernahm die Kontrolle. Ein unglaublicher, völlig unerwarteter Drang, laut zu schluchzen.
Von diesem Augenblick an habe ich nichts mehr gedacht.
Sie halfen mir auf meinen weichen Knien und den 14cm hohen Absätzen die Treppe runter, packten mich ins Auto (auf den Rücksitz, versteht sich) und fuhren mich die 500 Meter zum Parkplatz vor dem Standesamt. Und dort stand er – mein Mann.
Was auch immer mit mir passierte, in diesem Moment, als ich ihn das erste Mal sah, in seinem Anzug, wartend – ich habe keine Worte dafür. Ich war zum ersten Mal in meinem Leben wirklich sprachlos.
Ich erinnere mich nur an seine Augen, sein Gesicht, als er mich das erste Mal so sah. Ich erinnere mich an die Welle der Gefühle, an meine weiche Knie. Ich werde nie wissen, wie ich die paar Meter vom Auto zu ihm gelaufen bin.
Ich erinnere mich an Edorphin. An Adrenalin. An Glück. Sechs Jahre. Dieser eine Moment. Mein Mann. All das, was mich plötzlich überrollte. Das Gefühl, in die Knie zu gehen und laut schreien zu müssen. Vor Schmerz. Vor Liebe. Vor Glück.
Aber sie waren da – mein Julschen, meine Danie, Asmir’s Trauzeuge – und sie erinnerten mich. “Nicht weinen, bloß nicht weinen, deine Schminke.”
Und so kam es, dass es zwischen all den Schluchzern auch solche Momente gab…
In so einem Moment schafften sie es, uns dazu zu bewegen, die letzte Treppe zum Rathaushof hochzulaufen. Also liefen wir….
…. und schafften es trotz weichen Knien auf hohen Schuhen auch nach oben. Dort standen sie alle schon – alle uns wichtigen Menschen, unsere Freunde, meine beiden genialen Brüder, die wunderbare Freundin des einen, mein Vater und – meine Mutter, deren Anblick mich jedes Mal fast in die Knie gehen ließ. Und natürlich – meine langjährige Freundin und unsere Fotografin Danie. Mit dem Lachen wollte es im Endorphinrausch nicht so richtig funktionieren, also machte mein Bruder Johannes den Witz mit Kind 1 und 2 zum Running Gag des Tages, was auch – zumindest für einige Momente – funktionierte. Bei Gelegenheit bitte einfach meinen Bruder nach Kind 1 und 2 fragen.
Dann begann die Trauung.
Ich erinnere mich an fast nichts, das gesagt wurde. Ich erinnere mich an unsere Hände, die sich irgendwann mittendrin fanden und nicht mehr losließen.
Ich erinnere mich an Asmir’s “Ja”.
Ich erinnere mich daran, dass ich mein eigenes mit brüchiger Stimme herausgepresst habe. Schließlich hatte ich meine Sprache vollständig verloren.
Ich erinnere mich an den Kuss.
Daran, dass die Standesbeamtin den Namen Crnalić perfekt aussprach (sie hatte wohl auch lange geübt), an dem Nachnamen des Trauzeugen, Barukcić, aber scheiterte. An all die Menschen, die uns hinterher umarmten, an die Gesichter voller Emotion. An diese überwältigende Anteilnahme, an die Empathie, die mich völlig überraschten.
An unsere wunderbaren Boxberger, die mit weißen Rosen Spalier standen…
An meine wunderbare Katha und ihren wunderbaren Freund Tillmann und die Aktion mit dem Herz…

An meine Mutter, den Apfel und eine imaginäre bosnische Tradition – eine bewegende Geste..

Aber vor allem, über allem, am deutlichsten und für immer unvergesslich, an meinen Mann, an das Endorphin, an unser Glück.















































































































